Fortsetzungsroman: Kapitel 9

fortsetungsroman

Mein Nikolaus-Geschenk für euch ist heute nichts Weihnachtliches, sondern endlich mal wieder ein neues Kapitel meines Fortsetzungsromans. Die letzten Kapitel könnt ihr hier nachlesen: 

Den Rest unseres London-Aufenthalts über, sprechen Josie und ich nicht viel miteinander. Ich bin sauer auf sie, weil sie mich mit Niklas alleine gelassen hat und sie ist sauer auf mich, weil ich ihr den Abend mit Simon versaut habe. Das Schlimme ist, dass ich meinen leichten Ärger vermutlich unterdrückt hätte, wenn sie mich am nächsten Morgen nicht mit eisigem Blick empfangen hätte.

„Was sollte der Scheiß gestern Nacht?“, waren ihre ersten Worte an mich, als wir uns in der Hotel-Lobby trafen, „Simon musste wegen dir mitten in der Nacht weg und ist bis jetzt noch nicht zurück?“

„Wegen mir?“, ist alles was ich darauf erwidern konnte. Ich kann nicht glauben, dass ich fast vergewaltigt wurde und eine meiner besten Freundinnen nur daran denkt, dass ich ihr die Nacht mit einem Typen, den sie nicht mal einen Tag lang kennt, versaut habe. Vermutlich hätte Niklas mich nicht vergewaltigt. Dafür ist er nicht der Typ. Glaube ich zumindest, nicht das ich wüsste, wie der Prototyp eines Vergewaltigers aussieht.

Ich bin wahnsinnig froh, als wir endlich im Flugzeug sitzen. Ich kann nicht glauben, dass ich hierfür mein Bewerbungsgespräch abgesagt habe. Kurz vor Abflug fragt die Frau, die in der Dreier-Reihe neben uns sitzt, ob eine von uns den Platz mit ihrem 10-jährigen Sohn tauschen könnte. Sie wurden ausversehen in getrennte Reihen gesetzt. Ich nehme nur zu gerne an.

Am heimischen Flughafen angekommen, entscheidet Josie sich, mit dem Taxi zurückzufahren. Ich hingegen nehme die Bahn. Es ist schon ziemlich spät und ich habe einen Vierer-Platz für mich alleine. Als eine Gruppe halbstarker Jungs sich in den Vierer neben mir setzt, bekomme ich ein mulmiges Gefühl in der Magengrube. Ich merke, wie sie mich immer wieder anschauen. Ein Typ mit leicht fettigen blonden Haaren und Goldohrring raunt sogar ein „Hey, Süße!“, in meine Richtung.

Ich tue so als hätte ich es nicht gehört und drehe die Musik auf meinem Handy etwas lauter. Normalerweise sind mir solche Typen egal, aber heute verunsichern sie mich doch ein wenig. Glücklicherweise steigen sie schon nach einer Haltestelle wieder aus.

Als ich endlich zu Hause ankomme, habe ich das Gefühl, noch nie so froh darüber gewesen zu sein, alleine in meinem eigenen Bett zu liegen. Ich schaffe es noch nicht mal, mir meine Schlafsachen anzuziehen. Stattdessen schlafe ich mit meiner Kleidung vom Flug und brennenden Lampen bis der nächste Morgen anbricht.

Ich habe schlecht gelegen, was mir durch einen steifen Nacken gedankt wird. Es kommt selten vor, dass ich schon beim Aufwachen Hunger habe, aber heute ist so ein Tag. Dummerweise habe ich nichts im Kühlschrank. Kurzer Hand rufe ich Lucie an und frage, ob sie mit mir Frühstücken gehen will. Sie überlegt kurz, sagt dann aber zu.

Erst als sie eine halbe Stunde später durch die Tür unseres Lieblingscafés schlendert, begreife ich, wie sehr ich jemanden zum Reden gebraucht habe. Zunächst einmal geben wir jedoch unsere Bestellungen auf. Ich entscheide mich für eine Smoothie Bowl und Lucie nimmt die Blueberry Pancakes.

„So viele Kohlenhydrate?“, frage ich etwas verwundert.

„Dafür esse ich dann heute Abend nichts mehr.“

Obwohl ich am liebsten einfach mit der Geschichte herausprudeln würde, weiß ich nicht, wo ich anfangen soll. Die ganze Situation erscheint mir einfach so absurd. Und obwohl ich weiß, dass ich nichts falsch gemacht habe, ist sie mir trotzdem irgendwie peinlich. Also sprechen wir eine ganze Weile über belanglose Themen wie Lucies neue Handtasche oder darüber dass es morgen schneien soll.

„Okay, jetzt mal raus mit der Sprache, irgendwas stimmt doch nicht“, meint Lucie nach einer Zeit. Sie kennt mich einfach zu gut.

„Du weißt doch, dass ich mit Josie in London war“, taste ich mich langsam an das Thema heran.

„Ja, hab ein Bild auf ihrem Instagram Profil gesehen. Wieso hast du noch gar nichts davon erzählt?“

„Also, um ehrlich zu sein, war der Trip nicht ganz so gut…“

„Wieso? Hat sie dich wieder wegen irgendeinem Typen versetzt?“

Ich hatte ganz vergessen, dass Lucie Josie nicht sonderlich gut ausstehen kann.

„Schlimmer…“

Als ich mit meinen Erzählungen durch bin, ist Lucie fassungslos.

„Das solltest du anzeigen“, sagt sie und sticht mit ihrer Gabel etwas zu energisch in den Pancake, sodass ihr der Ahornsirup ins Gesicht spritzt.

„Ach, was das bringt doch nichts. Das war im Ausland – und es ist ja auch nichts passiert.“

„Nichts passiert? Was glaubst du, was der Typ gemacht, hätte, wenn er nicht gefallen wäre?“

„Er ist aber gefallen!“

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.