Fortsetzungsroman: Kapitel 2

Dies hier ist das zweite Kapitel meines Fortsetzungsromans. Wenn ihr das erste Kapitel und alle wichtigen Infos zu diesem Projekt verpasst habt, schaut gerne hier vorbei. Allen, die bereits auf dem neusten Stand sind, wünsche ich viel Spaß mit dem neuen Kapitel. Wie immer freue ich mich über euer Feedback! 
 
Ich habe einen Kater. Ich werde eindeutig alt. Ich meine, ich war um halb zwei zuhause. An Silvester. Und ich habe mich nüchtern gefühlt. Trotzdem habe ich einen Kater. Ja, ich glaube, so sieht es aus, wenn man alt wird.
Ich setze mich auf und versuche, das Pochen in meinem Kopf zu ignorieren. Instinktiv greife ich nach meinem Smartphone nur um festzustellen, dass der Akku leer ist. Sowas macht mich tatsächlich ein wenig panisch. Kein Akku und kein Internet. Der größte Albtraum meiner Generation. Glücklicherweise steckt das Ladegerät direkt in der Leiste neben meinem Bett. Ich war am Abend nur zu müde, um das Telefon anzuschließen.
Ich frage mich, ob ich wohl etwas verpasst habe. Ob irgendjemand dringend versucht hat mich zu erreichen. Irgendjemand Wichtiges. Obwohl ich nicht weiß, wer das sein sollte. Will ich das Phil, mein Exfreund, mich anruft? Wohl kaum. Oder doch? Ich bin zu verkatert, um mir über so etwas Gedanken zu machen.
Als der Bildschirm endlich aufleuchtet und ich meinen Pin eingeben muss, bin ich erleichtert. Ich warte ein wenig, bis sich alle Nachrichten geladen haben und stelle etwas enttäuscht fest, dass es nur wenige sind. Lucie fragt, ob ich noch gut nach Hause gekommen bin und meine Eltern fragen, ob das Abendessen heute noch steht. Mist. Das Essen habe ich ganz vergessen. Ich habe wirklich keine große Lust, mich meinen Eltern verkatert gegenüberzustellen. Andererseits ist es gerade mal zehn Uhr am Morgen. Ich habe noch massig Zeit, um wach zu werden.
Zunächst brauche ich eine frische Dusche und einen warmen Kaffee. Am liebsten würde ich den Kaffee mit unter die Dusche nehmen, aber das klappt wohl kaum. In meinem Kopf spiele ich „Schere, Stein, Papier“ um zu entscheiden, was ich zuerst tue. Duschen gewinnt. Schere zerschneidet Papier.
Früher habe ich gegen einen Kater immer Pizza gegessen. Der fettige Käse und das viele Salz sind genau das, was mein Körper in diesem Moment braucht. Ich kann dem Drang beim Lieferdienst anzurufen nur schwer widerstehen. Doch ich habe der Pizza abgeschworen. Pizza und allen anderen Lebensmitteln, die mit Kohlenhydraten und Fett vollgestopft sind. Ein wenig zufrieden mit mir, stelle ich fest, dass ich schon ein Jahr so lebe. Letztes Jahr war das mein Neujahrsvorsatz. Gesünder essen und mehr Sport. Das Typische eben, aber dieses Mal habe ich es tatsächlich durchgezogen. Für mich ist das alles andere als typisch. Dinge durchziehen meine ich. Für gewöhnlich gebe ich auf, wenn es zu kompliziert wird.
Ich verbringe den Großteil des Tages mit der neuen Staffel Grey’s Anatomy im Bett und warte darauf, dass es Abend wird. Oder aber ich hoffe, dass es nicht Abend wird und ich auf ewig in meinem Bett liegen und Serien schauen kann. Wofür braucht man ein eigenes Leben, wenn man den viel spannenderen Geschichten, die die Charaktere der Lieblingssendung erleben, tagein tagaus folgen kann?
Der Abend kommt natürlich doch. Meine Eltern und Julian sitzen dort. In einem dieser schicken Restaurants, die ich mir nicht leisten kann, wenn ich nicht eingeladen werde. Meine Eltern kommen aus einem Dorf unweit von hier. Was natürlich bedeutet, dass auch ich aus einem Dorf komme. Doch mittlerweile, da zähle ich mich durchaus als Großstädterin. Nichtsdestotrotz komme ich aus dem Dorf. Und ich weiß, wie es dort ist. Ich weiß genau, dass das hier eines der Restaurants ist, die sie sich dort empfehlen. „Frau Kahl aus dem Gymnastikkurs hat gesagt, dass die Küche dort wirklich ausgezeichnet ist. Besonders die Desserts…“
Meine Eltern lächeln mich an, doch ich merke genau, dass irgendetwas nicht stimmt. Sie sind angespannt. Das sind sie sonst nie. Mein Vater hält den Löffel fest umklammert und trommelt damit einen ungleichmäßigen Rhythmus auf dem Tisch. Meine Mutter trägt dieses unheimlich breite Lächeln zur Schau, das sie sonst nur Frau Kahl und den anderen Gymnastik-Hausbweibchen gegenüber aufsetzt. Zu viele Zähne und zu wenig Strahlen in den Augen um echt zu sein.

Wenn ich ehrlich bin, dann habe ich keine Lust auf Smalltalk. Ich weiß, dass ich gleich eine Hiobsbotschaft empfangen werde. Ich weiß bloß noch nicht, wie sie aussieht. Julian nickt meinen Eltern zuversichtlich zu. Er weiß also Bescheid. Nur ich bin die Dumme, die im Dunkeln tappen muss. Plötzlich bin ich sauer. Ich sehe es nicht ein, sie höflich zu begrüßen. „Was ist hier los?“, frage ich stattdessen.

 

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Kapitel 3

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2 Kommentare

  1. Sehr schöner Text! Mir gefällt dein Schreibstil sehr gut 🙂
    Liebe Grüße
    Larissa

  2. Du hast wirklich ein Talent zu schrieben, super toller Text 🙂

    Liebe Grüße 🙂
    Measlychocolate by Patty

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